Obwohl es ihm wirklich keiner nehmen wollte, hat es sich der überforderte Ortsbürgermeister „nicht nehmen lassen“, mit den Pfadfindern des Stamm Greifenklau ihr 50-jähriges Bestehen zu feiern. Während der Engelstädter Ortsbürgermeister auf der Jubiläumsfeier schlicht die „hervorragende Arbeit“ der Pfadfinder lobte, hat es sich sein dampfplaudernder Stadecken-Elsheimer Kollege „nicht nehmen lassen“, den Wölflingen und Rovers etwas von christlichen Werten, eine untergehende Welt und die gesellschaftliche Aufgabe der Pfadfinder vorzuschwafeln: „Hier werden christliche Werte vermittelt, die in einer Zeit, wo die Welt um uns herum zunehmend aus den Fugen zu geraten scheint, den jungen Menschen vermittelt – Werte wie Toleranz, Rücksichtnahme, Nächstenliebe, die sie später in die Gesellschaft wieder einbringen.“ Hört sich zwar etwas wirr an, ist aber offensichtlich ernst gemeint.

Überrascht hat uns die weltpolitische Analyse des Stadecken-Elsheimer „Philosophen“ eigentlich nicht, waren wir doch schon immer der Meinung, das die Welt um uns herum schon seit längerem in Unordnung geraten ist – durch Kriege und Konflikte, den Hunger in der Welt, durch Grausamkeit, Willkür und Ungerechtigkeit und natürlich durch den Rock’n’Roll und die Erfindung des Minirocks. Was uns jedoch erstaunt, ist die Naivität und Unbedarftheit, mit der Barth in seinem „philosophischen Kolloquium“ einen direkten Zusammenhang zwischen seiner zunehmend aus den Fugen geratenen Welt und den „christlichen Werten“ herstellt, das vermutete Chaos auf Erden in direkten Kontext mit den Begriffen „Toleranz“, „Rücksichtnahme“ und „Nächstenliebe“ setzt und den Pfadfindern zur Aufgabe macht, die Gesellschaft und den ganzen Erdball wieder in Ordnung zu bringen

Wir möchten Barth nicht wichtiger nehmen als er ist, aber sein Ausritt in die Weltpolitik , seine christliche Wertvorstellung und das Pfadfinderversprechen mutet schon etwas seltsam an und wirft einige Fragen auf: Möchte Barth mit seinem nebelhaften Geschwafel etwa andeuten, dass die nicht-christlichen Religionen und Weltanschauungen für das Chaos in der Welt verantwortlich sind oder zumindest daran einen großen Anteil haben? Glaubt er etwa, dass die Welt eine bessere wäre, wenn es nur christlichen Religionen und keine anderen Weltanschauungen gäbe? Will er darauf hinweisen, dass eine aus den Fugen geratene Welt nur durch das Erfahren christliche Werte wieder in Ordnung gebracht werden kann? Oder glaubt er gar, dass es Aufgaben der Pfadfinder sei, die Menschheit vor dem Untergang zu retten? Weiß er nicht, welches Unheil und Leid die Vertreter „christlicher Werte“ in der Vergangenheit über die Menschen gebracht haben – von den Kreuzzügen des christlichen Abendlandes, den Hugenottenkriegen, dem Dreißigjährigen Krieg, den spanischen Konquistadoren bis hin zu den mittelalterlichen Hexenverbrennungen und der jahrhundertelangen Ausbeutung der Menschen durch kirchliche Institutionen? Was eigentlich möchte Barth uns und den Pfadfindern sagen?

Mit seinem wirren Geschwafel eröffnet Barth Raum für missverständliche Interpretationen, die ihn sogar dem Verdacht aussetzen, rechtspopulistische Positionen zu vertreten und dem unheilvollem, rechtsradikalen Spektrum der Gesellschaft anzugehören. Man kann nie etwas ausschließen, aber wäre das der Fall, dann bestände der berechtigte Verdacht, dass  er nicht nur Angehörige nicht-christlicher Religionen und Weltanschauungen verletzen, sondern auch christliche Werte und Ethik in Frage stellen würde. Das wäre eine fatale Situation, denn ein Ortsbürgermeister, der Flüchtlinge und damit überwiegend Menschen nicht-christlichen Glaubens „Willkommen in Rheinhessen“ heißt und hintenrum diskreditieren würde, wäre nicht nur in unserer Gemeinde, sondern auch in allen anderen politischen Positionen untragbar.

Barth sollte deshalb keine falschen Interpretationen zulassen und eindeutig und unmissverständlich darlegen, was genau er den Pfadfindern auf ihrer Feier zum 50-jährigen Bestehen sagen wollte. Noch besser wäre es, wenn er zukünftig seine Meinung über christliche Werte und den Zustand der Welt für sich behalten und sich endlich mal auf seine eigentlichen Aufgaben als Ortsbürgermeister kümmern würde. Mit Dampfplaudereien und ungereimten Geschwätz wird man dieser Aufgabe nicht gerecht.

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2 Gedanken zu „Barth „lässt es sich nicht nehmen!“ – Sollen Pfadfinder die Welt retten?

  1. Wir haben ja nur einige Ereignisse aufgeführt, bei denen es um die kriegerische Durchsetzung christlicher Werte ging. Wenn wir alle kriegerischen Ereignisse aufführen wollten, an denen Menschen mit christlichen Wertvorstellungen beteiligt waren, dann bräche unser Server zusammen.

  2. Man muss nicht bis zum Mittelalter zurück forschen, um festzustellen, dass die „christlichen Werte“ das Papier nicht wert waren, auf dem sie gedruckt waren. In Nord-Irland haben sich noch bis vor wenigen Jahren zwei Konfessionen mit „christlichen Werten“ gegenseitig in die Luft gesprengt und sind sich eigentlich noch heute nicht freundlich gesinnt.
    Auch die Bombenanschläge der Basken wurden in einer Gemeinschaft „christlicher Werte“ verübt.
    Ich behaupte mal, dass in atheistisch geprägten Ländern (z.B. dem früheren „Ostblock“) die Anzahl der Gewalttaten gegenüber den Nächsten im Durchschnitt nicht größer war als in religiös orientierten Ländern.

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