Kein Nachruf: Nauert geht – Und das ist auch gut so.

„Werner Nauert prangert die Missachtung der SPD-Basis an und fordert von seiner Partei, den Bürgern mehr Orientierung bei zentralen politischen Themen zu geben.“ Deswegen tritt Werner Nauert bald als Ortsvereinsvorsitzender der SPD zurück, bleibt aber weiterhin Mitglied der Partei, obwohl die ihn „missachtet“ und ihm keine „Orientierung“ mehr gibt. Nauert will „weiter an der politischen Willensbildung und der Gestaltung der SPD mitarbeiten“ und begründet dies liebhaberisch damit, dass die SPD ihm „weiter am Herzen.“ liegeDas überrascht, denn wenn man von einer Partei so tief enttäuscht ist und sich so mies behandelt fühlt, dann legt man doch nicht nur das Amt des Ortsvereinsvorsitzenden nieder: Konsequenterweise tritt man dann doch gleich aus der Partei aus. Wie also soll man den von Nauert vollführten Spagat verstehen?

Wenn jemand von seinem politischen Ehrenamt zurücktritt, so ist er dafür niemandem Rechenschaft schuldig und braucht auch nicht seine Beweggründe darzulegen. Nicht so Werner Nauert. Nauert, den kaum jemand als Ortsvereinsvorsitzenden der SPD so richtig wahrgenommen hat, wollte noch einmal die große Bühne betreten und hat in einem Interview mit der AZ Mainz nicht nur zu internationalen und nationalen Angelegenheiten Stellung genommen, sondern auch erstaunliche Gründe für seinen Rücktritt dargelegt. Dabei hat er ein weiteres Mal deutlich zum Ausdruck gebracht, dass Kommunal-und Ortspolitik nicht so recht sein Ding sind und er sich lieber mit weltpolitischen Themen beschäftigt.

„Für mich ist die Kommunalpolitik der Tod eines jeden politischen Handelns“, so Nauert und begründet diese morbide These damit, dass „man sich etwa in Stadecken-Elsheim mit Umgehungsstraßen (die nicht kommen), Sporthallen (für die kein Geld da ist) oder dem Standort von Weihnachtsmärkten“ und nicht etwa um „wichtige politische Themen“ kümmert. Das ist schon ein starker Tobak. Aber um Gottes Willen, um was soll man sich in Stadecken-Elsheim denn sonst kümmern? Soll „Oberlehrer“ Barth jetzt im Gemeinderat über die transatlantischen Beziehungen zwischen der EU und den USA referieren? Soll Rechnungsprüfer Rau die Auswirkungen globaler Handelsabkommen auf die Gemeindekasse erläutern? Oder teilt der für Bau & Verkehr zuständige Beigeordnete Ruf demnächst in einer Einwohnerversammlung seine Meinung zur Einführung der Autobahn-Maut mit?

Nein, Nauert sind die örtlichen Angelegenheiten und Gemeinde-Probleme einfach ein paar Nummer zu klein. Solch banale Dinge interessieren ihn nicht. Und so steigt er stattdessen gerne auf die weltpolitische Bühne und erklärt den Bürgerinnen & Bürgern die Auswirkungen der Globalisierung oder erläutert die Bedeutung von TTIP und CETA. Kommunal- und Ortspolitik bleiben dabei zwangsläufig auf der Strecke. Mit seinen politischen Schwerpunkten wie Kartoffelfeste, Boule-Spiele und Schoppenabende hat Werner Nauert hat die SPD von Stadecken-Elsheim in die kommunal-und ortspolitische Bedeutungslosigkeit geführt. So ist es denn auch kein Wunder, dass er mit einem letzten „politischen Paukenschlag“ für den 5. Februar eine „Nachtwächterwanderung“ angekündigt hat.

Letztendlich macht auch seine populistische Forderung nach Abschaffung der Fraktionen und Koalitionen im Gemeinderat den Braten nicht mehr fett. Die Gemeinderatswahlen sollen nach seiner Meinung auf Basis „einer gemeinsamen Wahlliste mit 40 Namen“ stattfinden, aus der dann „die Wähler 20 Bürger auswählen, die Arbeitsgruppen bilden und sich dann im Rat zusammenraufen.“ Blauäugig erhofft er sich dadurch im Gemeinderat „lediglich interessierte Bürger, die, losgelöst von parteipolitischen Zwängen, sachgerecht arbeiten und entscheiden.“ Hoppla, wir dachten, das wäre heute schon so. Aber offensichtlich ist Nauert da ganz anderer Meinung.

Und er hat Recht. Schon seit Langem wird im Gemeinderat nicht mehr kontrovers diskutiert oder sich „zusammengerauft.“ Man hat den Eindruck, dass viele der uns vertretenden Damen in Lethargie erstarrt sind. Gleichgeschaltet wie die Abgeordneten der russischen Duma sitzt dort eine Reihe glattgebügelter Ratsmitglieder, die zur politischen Diskussion nicht willens oder nicht mehr fähig sind. Beinahe jeder, von der Verwaltung eingebrachte Schwach- und Unsinn wird unreflektiert durchgewinkt und jeder Sau, die der überforderte Ortsbürgermeister durchs Dorf treibt, kritiklos hinterhergelaufen. Wenn, wie die aktuelle Situation zeigt, das einzelne Ratsmitglied seine ihm zugedachte Aufgabe nicht versteht oder nicht in der Lage ist, ihr nachzukommen, dann ist dies auch durch eine von Nauert vorgeschlagene Einheitsliste nicht zu vermeiden.

Nauert war und ist zu stark auf Harmonie gebürstet. Er hat nicht verstanden, dass zu einer lebendigen Demokratie auch eine konstruktive, politische Streitkultur gehört, als deren Resultat am Ende eine für die Allgemeinheit beste Lösung steht. Insofern ist der Rücktritt für das politische Leben in Stadecken-Elsheim kein Verlust.

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Ein Gedanke zu „Kein Nachruf: Nauert geht – Und das ist auch gut so.“

  1. Ganz so abwegig ist eine Abschaffung von Parteien/Fraktionen nicht. Durch den Fraktionszwang sind schon viele gutgemeinten Vorschläge wider besseren Wissens abgelehnt worden (regional oder überregional). Diesen Fraktionszwang gibt es, obwohl jeder Abgeordneter lediglich nach seinem eigenen Wissen und Gewissen abstimmen soll.
    Um den politischen Zwängen einer Partei entgegenzuwirken, haben sich z.B. „Freie Wählergemeinschaften“ gebildet. Aber diese treten letztlich auch als Partei an.

    Eine parteiungebunde Wahl von Einzelpersonen wäre zumindest auf kommunaler Ebene machbar und würde vielleicht der Politikvertrossenheit der Bürger entgegenwirken.

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