Wir habe schon leicht gezuckt und uns insgeheim auf das Schlimmste vorbereitet, als wir im Nachrichtenblatt Nr. 51 lesen mussten, dass die Stadt Nieder-Olm einen sogenannten Imagefilm auf ihrer Webseite eingestellt hat. Unsere schlimmsten Erwartungen wurden dann aber noch übertroffen, als wir uns den Film angetan haben. In dem zweiminütigen Streifen reiht sich penetrant und ununterbrochen ein Klischee an das andere, und man hat schon nach wenigen Sekunden den Eindruck, als ob gleich das Bitburger-Logo mit „Bitte ein Bit“ erscheint, der Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer ins Bild drängt oder Granu Fink mit Prosta forte den Männern im Alter wieder mehr Lebensgenuss verspricht. Der sogenannte Image-Film ist so flach, phrasenhaft und nichtssagend, dass er problemlos für jedes x-beliebiges Lifestyle-Produkt oder jede andere Weinbaugemeinde herhalten könnte – man bräuchte am Ende nur das Firmenlogo oder den Ortsnamen einblenden, schon passt es.

Noch schlimmer als der sogenannte Imagefilm selbst sind allerdings die unerträglichen Phrasen, mit denen Stadtbürgermeister Kuhl das Machwerk auf der Webseite von Nieder-Olm vorstellt. Da wird von „idyllischen Landschaften“, den „schönsten Ecken der Stadt“, einer „hervorragenden Infrastruktur und einem großem Wirtschaftspotenzial“ gefaselt. Kuhl schwadroniert über eine „außerordentlich hohe Lebensqualität“, eine „kulturelle Vielfalt“ sowie eine „große Dichte an hochkarätigen Unternehmen und Institutionen.“  Von alledem ist in dem Film noch nicht einmal im Ansatz etwas zu sehen, geschweige denn zu hören. „Man sieht fröhliche Menschen auf dem Markt, der Zuschauer begleitet sie, wenn sie sich in der Eisdiele eine Erfrischung gönnen, wenn sie durch die umliegenden Weinberge wandern und Feste feiern.“  Ja, da ist schon etwas los, in Nieder-Olm – besonders in den Eisdielen.  „In schönen, stimmungsvollen Bildern sind Künstler der Stadt zu sehen, Freizeiteinrichtungen und jede Menge Lebensfreude.“ Oha, Nieder-Olm ist plötzlich bekannt für seine Tontöpferei, Skulptur-Kunst und die Wasserutsche im Rheinhessen-Bad. Es finden sich Aufnahmen, die die Stadt und ihre Attraktionen von oben zeigen, umgesetzt in modernster Technik.“ Donnerwetter, da feiert Kuhl eine simple Luftaufnahme schon als Ausdruck „modernster Technik.“

Den Gipfel der Heuchelei bildet dann die Aussage eines Geschäftsführers der Tracoe medical GmbH, einer Nieder-Olmer Firma, bei der wir auch nach einem längeren Besuch auf der Website immer noch nicht wissen, was sie eigentlich herstellt: „Uns verbindet sehr viel mit Nieder-Olm“, sagte Marcus Keidl aus der Geschäftsleitung. Daher habe man sich gerne an den Produktionskosten beteiligt.“ Was die Firma Tracoe so viel mit Nieder-Olm verbindet, wissen wir nicht. Sie ist ja erst seit 2014 in der Stadt. Aber sicherlich hat die Beteiligung an den Produktionskosten damit zu tun, dass die Firma, vermutlich rein zufällig, in einer Filmsequenz namentlich zu sehen ist. Corporate Placement nennt man diese Art der bezahlten Werbung.

Wir verstehen auch nicht, warum sich „Werbefachmann“ Kuhl „über die gekonnte Umsetzung und Unterstützung“ freut und sich bei den Beteiligten bedankt. Dafür gibt es keinen Grund. Und dass der Film „zukünftig Nieder-Olm unter potenziellen Neubürgern, Gewerbetreibenden und Gästen noch attraktiver machen sowie gleichzeitig als Identifikationsverstärker für die einheimischen Bürgerinnen und Bürger dienen“ soll, kann nur als übelste Werbefloskeldrescherei.bezeichnet werden.

Unsere Kritik hat einen guten Grund: Wir haben Angst. Angst davor, dass einige der ehrenamtlichen Freizeit-Politiker in den Gemeinderäten bereits mit den Hufen scharren und schon jetzt danach lechzen, ebenfalls einen „dringend benötigten“ Imagefilm in Auftrag zu geben – „die Gemeinde braucht das.“ Das Machwerk für Nieder-Olm sollte eindeutig gegen solch eine Forderung sprechen

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