Als vor 50 Jahren die damals unabhängigen Ortschaften Elsheim und Stadecken gegen den ausdrücklichen Willen ihrer Bevölkerung zusammengelegt wurden, prallten zwei Kulturkreise aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können und deren Ursache bis weit in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs hineinragte: Hier das stolze und fortschrittliche Stadecken, das mit seiner Burg und einem hochangesehenen Adelsgeschlecht schön frühzeitig Geschichte geschrieben und die Marktrechte erlangt hatte, dort das zurückgebliebene und weltfremde Elsheim, das nur apathisch vor sich hindämmerte und ein Spielball der beherrschenden, umliegenden Domänen war.

Die Zusammenlegung von 1979, die per Gesetz und durch einen schnöden Verwaltungsakt erfolgte, legte zugleich eine stark verwurzelte  Feindschaft und Abneigung zwischen den beiden so ungleichen Ortschaften offen. Keiner wollte etwas mit dem Anderen zu tun haben, beide Ortschaften standen sich in großer Ablehnung gegenüber. Noch heute wird von den Alteingesessenen berichtet, wie sich Menschen beider Ortschaften bei Konflikten mit Heugabeln und Dreschflegeln an der Selz gegenüberstanden und ihre gegenseitige Gegnerschaft zum Ausdruck brachten. Grenzüberschreitende Liebschaften und Liaisons waren nicht geduldet. Das Verlangen nach Hingabe und Leidenschaft konnten nur dann gestillt werden, wenn sich einer der Liebenden wagte, bei Nacht und Nebel die reißende Selz zu überqueren. Wie tief die Gegensätze lagen, zeigt allein schon die Tatsache, dass sich die Elsheimer und Stadecker Landfrauen erst nach 50 Jahren härtester Auseinandersetzung in diesem Jahr zusammengefunden haben.

Mit der erzwungenen Vereinigung der beiden Ortschaften setzte sich dann auch der unaufhaltsame Niedergang von Elsheim fort. Die Infrastruktur brach beinahe völlig zusammen. Heute gibt es in Stadecken gleich zwei Metzgereien, in Elsheim sucht man vergeblich ein Pfund Hackfleisch zu kaufen. Und während bei Zahnschmerzen ein Elsheimer erst einmal den weiten Weg über die Selz machen muss, bieten in Stadecken gleich drei Zahnarztpraxen Hilfe und Linderung an. Zwei Bankfilialen in Stadecken drücken auch die finanzielle Vormachtstellung von Stadecken aus, während es in Elsheim noch nicht einmal einen Geldautomaten gibt. In Stadecken bieten zwei Sterne-Hotels Logis und Unterkunft, in Elsheim müsste man zum Übernachten mit einer Parkbank vorliebnehmen. Und wenn es das Stadecker Acht-Morgen-Einkaufszentrum mit zwei REWE-Märkten und zahlreichen Einzelhandelsgeschäften nicht gäbe, wäre noch nicht einmal die Grundversorgung der Menschen in Elsheim mit den Gütern des täglichen Bedarfs sichergestellt. Dramatischer hätte sich eine negative Entwicklung nicht vollziehen können.

Fast alle öffentlichen Gebäude und gemeindlichen Einrichtungen befinden sich in Stadecken. Zum Besuch von Grundschule, Rathaus, Rheinhessenstube, Selztalhalle, Burgscheune, kleine Burgscheune, Amtshaus und Alte Schmiede müssen die Elsheimer erst einmal mühselig die Selz überqueren. Elsheim bleibt nur das kircheneigene Haus Mauritius, das den Charme eines Abstellraums in einer Jugendherberge versprüht. Nur den Sportplatz und den Bauhof haben die hinterlistigen Stadecker den Elsheimern überlassen, damit sie sich von dem dort verursachten Lärm in ihrem komfortabel eingerichteten Ortsteil nicht gestört fühlen. Und während in Stadecken mit der Hiwwelroute in eine Touristenattraktion nach der anderen investiert wurde und, um den Touristenstrom zu bewältigen, gleich 30 zusätzliche Parkplätze in Planung sind, sollen die Elsheimer mit einem muffigen Kellergewölbe (Krypta) der Kirche abgespeist werden, in das sich wahrscheinlich auch in Hundert Jahren kein Tourist verirren wird.

Auch politisch wird Elsheim von Stadecken schon seit Jahrzehnten vernachlässigt, ja, man könnte beinahe sagen, unterdrückt und ausgebeutet. Inklusive des aktuellen Ortsbürgermeisters wird der heutige, 21köpfige Gemeinderat von 15 Mitgliedern aus Stadecken dominiert, darunter die einflussreichsten Winzer der Gemeinde, die in exzessiver Expansionsgier sogar etliche zu Weinlagen in der Gemarkung Elsheim aufgekauft haben. Bei solchen Machtverhältnissen ist es nicht verwunderlich, dass überwiegend Entscheidungen zugunsten von Stadecken getroffen werden und Elsheim systematisch benachteiligt wird. Das Forum hat sich in den vergangenen Monaten die Mühe gemacht, die Gemeindehaushalte der vergangenen 50 Jahre zu überprüfen und dabei festgestellt, dass über zwei Drittel der Haushaltsmittel für die Menschen in Stadecken ausgegeben wurde. Das ist nicht nur ungerecht, sondern erklärt auch einen der Gründe, warum sich so viele Mitbürgerinnen & Mitbürger aus Elsheim abgehängt und vernachlässigt fühlen. So wurde über Jahre von der Verwaltung und dem jetzigen Bürgermeister Barth (CDU) das Projekt der Umgehungsstraßen vernachlässigt und die Menschen in Elsheim mit ihren Sorgen und Nöten allein gelassen. Sogar an der Ausweisung neuer Baugebiete lässt sich die Diskriminierung und Benachteiligung ablesen: Während die Menschen sich in Stadecken an einem Neubaugebiet nach dem anderen erfreuen durften und dort das Leben pulsiert ist, wird Elsheim erst jetzt und nach langer Zeit mit einem kleinem Baugebiet abgefunden, das bezeichnenderweise auch noch den Namen „Baugebiet Friedhofstraße“ trägt.

Zwischen Elsheim und Stadecken herrscht heute eine Kluft, die sich in allen Bereichen auftut und weder mit einer „Lichterbrücke“, noch mit einer Festmeile oder einem kleinen Umtrunk im Anschluss an die kommende Gemeinderatssitzung überwunden werden kann. Da kann der Bindestrich zwischen den beiden Namen im Ortsschild noch so dick sein. Es passt einfach nicht zusammen, was nicht zusammengehört. Die erzwungene Vereinigung und die Zwangsgemeinschaft sollten deshalb aufgehoben und Elsheim endlich wieder in die Freiheit entlassen werden. Nur so kann sich Elsheim frei und unabhängig von Stadecken entfalten. Dabei sollte man sich auch einmal daran erinnern, dass es doch sicherlich einen besonderen Grund dafür gibt, dass sogar der Verlauf der Selz die beiden unterschiedlichen Ortsteile so sorgfältig voneinander trennt.

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