Wenn es noch eines weiteren Belegs bedurft hätte, dass die Stadecker Hiwwelroute und die Wanderwege rund um Stadecken-Elsheim vorwiegend den kommerziellen Interessen der örtlichen Winzer dienen, dann muss man nur in den Flyer schauen, den die Gemeindeverwaltung zur Eröffnung der SaufWandersaison 2019 aufgelegt hat. Mit „liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Wanderfreunde,“ grüßt dort „aufs Herzlichste Ihr Thomas Barth“ und teilt mit, dass sich zum 50jährigen Bestehen unserer „Doppelgemeinde“ (sic) der Bauern- und Winzerverein gemeinsam mit der Adam Elsheimer-Initiative „etwas Besonderes ausgedacht“ hat

Wer es jetzt vor lauter Spannung kaum noch aushält und sich in wildeste Spekulationen darüber ergeht, was man sich denn „Besonderes“ ausgedacht hat, den erlösen wir und klären auf: Es ist die „Eröffnung der Wandersaison 2019.“ Wer hätte das gedacht! Das wäre einem doch nicht im Traum eingefallen! Da haben sich die Bauern- und Winzer schon etwas ganz „Besonderes ausgedacht“

Nun steht die Adam Elsheimer Initiative, im Gegensatz zu den Mitgliedern des Bauern- und Winzervereins, nicht im Verdacht, kommerziellen Interessen nachzugehen oder sich auf Kosten der Allgemeinheit Privilegien zu verschaffen. Und daran lassen sie auch keinen Zweifel. Die örtlichen Winzer betrachten die Hiwweltour als ihr ureigenes Werbe- und Verkaufsförderungsinstrument und haben sie fest vereinnahmt. Und so ist es kein Wunder, dass nicht etwa die Ortsgemeinde, sondern der Bauern- und Winzerverein als Veranstalter der Wandereröffnung auf den gemeindeeigenen Wirtschaftswegen auftritt. Und wie nicht anders zu erwarten, haben die Winzer entlang der Wanderroute wegelagernd ihre Sauf- und Fressbuden aufgebaut, an denen man, so der Pressesprecher des Bauern- und Winzervereins, Barth, „Wissenswertes erfahren und Kulinarisches genießen“ kann – wobei das „Wissenswerte“ gegenüber dem „Kulinarischen“ profitmäßig sicherlich eine untergeordnete Rolle spielt. Es gibt sogar Überlegungen, turnusgemäß alle örtlichen Winzer an der Eröffnung der Wandersaison zu beteiligen, damit jeder mal die Gelegenheit hat, an die Fleischtöpfe zu kommen und sich ein Zubrot zu verdienen. Auch die permanente Bestückung der Hiwwelroute mit Winzer-Verkaufsständen wurde angedacht, jedoch mangels Wander-Masse als für nicht profitabel erachtet

Die Hiwwelroute Stadecker Warte wurde ausschließlich mit öffentlichen Geldern finanziert. Ob auch die jährlichen Unterhaltungskosten, die zu 90 % von den Eigentümern der anliegenden Grundstücke zu bezahlen sind, den Winzern und Landwirten erlassen wurde, wissen wir noch nicht. Beworben wird die Hiwwelroute durch die Rheinhessen-Touristik GmbH, ein öffentliches Unternehmen, das auf seiner Webseite gleich nach seiner Beschreibung der Hiwwelroute die entsprechenden „Einkehrtipps und Vinotheken an der Hiwweltour Stadecker Warte“ gibt. 100.000,00 € soll der neue Parkplatz am Woog kosten, der vorwiegend für das erwartete Wandervolk gedacht sind.

Alles wird aus der Gemeindekasse oder anderen, öffentlichen Töpfen bezahlt. Bis auf die Winzer- und Landwirte profitiert kein einziger Mensch in der Ortsgemeinde von den gewaltigen Investitionen, die unter dem Deckmäntelchen der „Tourismusförderung“ verkauft werden. Weder haben die Einwohnerinnen und Einwohner etwas davon, noch profitieren die übrigen Gewerbetreibenden. Nicht einmal die Beherbungsbetriebe verdienen etwas Zusätzliches, weil auch die Hiwwelroute keinen ausreichenden Anlass dazu gibt, mehre Tage in Stadecken-Elsheim zu verweilen.

Es ist so, wie es ein bekannter Mainzer Reise- und Tourismus-Journalist einmal formulierte: „Tourismus in Rheinhessen ist Saufen- und Fressen.“  Wenn diese, im Kern stimmige Aussage von Barth mit der absurden Aufforderung, “ unvergessliche Aussichtspunkte und Blicke auf unsere Gemeinde“ zu entdecken, übertüncht wird, dann muss man sich die Frage stellen, ob der „Tourismus-Experte“ Barth schon einmal über die rheinhessische Landesgrenze hinausgekommen ist und etwas von der übrigen Welt gesehen hat.

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